Es beginnt mit einem „Ich kann nicht mehr!“

Oder: „Ich schaffe das nicht.“, „Ich kann das nicht.“ 

Er schaute etwas enttäuscht. Das große Schwergewicht sollte nun mit zwei Frauen die Runden am Sandsack teilen. Nun denn, ran ans Training! Irgendwann nach der x-ten Runde hielt ich ihm wieder den Sandsack, damit er nicht so doll hin und her taumelt bei dem ganzen Getrete und Geschlage. Ich war fertig. Fix und fertig. Und dieses Schwergewicht haute drauf. Ich hatte Mühe den Sandsack so zu fixieren, dass er selbst und nicht mich gleich mit gegen die nahe liegende Wand schleuderte. Gleichzeitig kamen da ja noch von links und rechts Kicks und musste aufpassen, dass meine Hände nicht dazwischen geraten. Und meine Beine waren voller blauer Flecke, an denen der Sandsack immer wieder ran kam. Da dachte ich den Satz: „Ich kann nicht mehr!!!“ Warte. Denk das nicht, sage ich zu mir. Denn ich merkte gleichzeitig, wie ich durch diesen Satz noch mehr Kraft verliere. Es ist, als ob das bloße Denken daran, eine schier unliebsame Kettenreaktion auslöst. Ich denke es, dann fühle ich es gleich noch viel mehr und schließlich glaubt es mein Körper auch.


Letzte Woche Freitag war ich zum ersten Mal nach über 10 Jahren wieder beim Sparring. Das war wie eine Offenbarung. In vielerlei Hinsicht. Erst einmal war es schön zu sehen, dass Kämpfen wie Fahrrad fahren ist. Du verlernst es nicht. Zweit einmal hatte ich ein paar tolle Sparringspartner. Denn was ist schon Sparring ohne gute Kämpfer? Dritt einmal hatte ich eine „Quasi“-Erleuchtung. Mir war schon von vornherein klar, dass meine Kondition nicht viele akzeptable Runden zulässt. Und schon nach der dritten Runde oder so, prustete ich wie eine alte Eisenbahn und hatte Mühe genügend Luft zu bekommen. Mein Kopf kannte diesen Zustand und folgende Hinweise ratterten da durch: so lange du nicht ko**** musst oder irgendwelche anderen körperlichen Anzeichen erhälst, dass dein Kreislauf vielleicht kollabiert, machst, du. einfach. weiter. !!! Das funktionierte gut. Bis ich dann tatsächlich nach der wohl sechsten Runde (?) echt fast ko**** musste! Ich habe richtig gewürgt. Doch im nächsten Moment hatte ich mich wieder in Griff. Ja, ich hatte mich im Griff! Mein Kopf hat bestimmt, dass ich das jetzt nicht mache. Ich mache zwar Pause, aber wir – also mein Kopf und mein Körper – kollabieren doch jetzt nicht! Das war das erste Mal, das mir so war. Ich bin wirklich an meine Grenze gegangen. Und es fühlte sich gut an! Ich erzählte es fast stolz zu Hause. Für den ein oder anderen (wohl auch inklusive mein Mann) mag das jetzt absurd klingen oder der Satz im Kopfe rumgehen „na, wenn du es brauchst…“. Ja, ich brauche das. Also nicht ko****. Aber die Grenzerfahrung. Wann hat frau schon wirkliche Grenzerfahrungen im Alltag? Und vor allem: was macht das mit dir?! Es gibt dir das Gefühl den restlichen Alltag mit Bravour und Leichtigkeit meistern zu können. Es gibt dir einen Kick. Es gibt dir Kraft. Im Moment der Kraftlosigkeit erhälst du Kraft. 


Dann dachte ich an früher. Ich bin zarte 16 Jahre alt und schon an der Aufwärmung konnte ich erkennen, dass mein Trainer gleich lauthals das weitere Programm mit „Sparring!“ verkünden würde. Dann wollte ich am liebsten gehen. Niemanden schlagen und auch nicht geschlagen werden. Ich hatte manchmal wirklich Tränen in den Augen, die ich (hoffentlich) durch den laufenden Schweiß von der Stirn halbwegs verbergen konnte. Selbst während des Kämpfens. Ich musste mich so zusammen reißen. Ich wollte doch niemandem weh tun! Und auch dieser Satz ließ nicht lange auf sich warten: „Ich kann das nicht!“ Oder: „Ich schaffe das nicht!“ Dann war alles vorbei. Manchmal nahm der Trainer mich raus. Es war wirklich nicht schön.

Doch aufgeben war keine Option. Ich machte irgendwie weiter. „Einfach“ weitermachen. Die anderen Dinge im Training beherrschte ich gut. Sogar sehr gut. Und irgendwann machte es „klick“ in meinem Kopf. Als hätte jemand einen Hebel umgelegt. Heute weiß ich, dass wohl meine Vernunft die Zügel in die Hand nahm und meine Angst, Befürchtungen und Sorgen bändigte. Das Einzige,was ich dann noch an Gefühlen im Kampf zuließ, war der unbedingte Wille zu gewinnen und manchmal auch Wut, aber die ist nicht sehr produktiv.

Ein Jahr später gewann ich meinen ersten Kampf und die Titel prasselten auf mich herunter. Internationale Deutsche Meisterin, Bayerische Meisterin (das waren offene Meisterschaften), Vize Deutsche Meisterin, World Cup Siegerin der WKA (mein bestes Turnier überhaupt!), vierter Platz bei den Weltmeisterschaften und schließlich Norddeutsche Meisterin im Boxen, nur um die größten Titel hervor zu heben.

All das erreichst du nicht mit dem Satz „Ich kann das nicht.“ 


Meine Tochter kommt nun langsam in das Alter, in dem Erziehung beginnt, ergo ist das Wort „Nein“ und „nicht“ ein oft verwendetes Wort. In diesem Zusammenhang habe ich gelesen, dass unser Gehirn, selbst wenn wir erwachsen sind, u.a. die Wörter „nicht“, „soll“ oder weitere Hilfsverben quasi zum Kontext konstruieren muss, um es zu verstehen. Ein Kleinkind ist schlichtweg nicht in der Lage „Du sollst den Herd nicht anfassen“ zu verstehen. Da das Gehirn noch lange im Wachstum ist und die Konstruktion dieser Satzstruktur erst viel später möglich ist, versteht es nur: „Herd. anfassen.“ Warum ist das so, habe ich mich gefragt. Wenn frau bedenkt, dass der Tag eines Kleinkindes aus lauter diesen Herausforderungen besteht, aus lauter Grenzerfahrungen: „wow, ich kann hier hochklettern.“ oder: „mensch, ich kann mich hier aber echt doll stoßen. Das tut weh!“ Wo würden Kinder buchstäblich hinwachsen, wenn sie „nicht“ u.ä. schon verstehen würden? Sie könnten dann fatalerweise auch für sich sagen: „Ich kann das nicht!“ Aber das ist eben nicht der Fall. Sie sind die puren Positivisten, denn nur das bringt sie erst einmal weiter. Und das in einem Tempo, das kaum Gleichnisse zulässt. Sie sind radikale Ja Sager zum Leben, um die Entwicklung voran zu treiben.

Probiert es mal aus. Sagt mal laut und bewusst: „Ich kann nicht mehr.“ Und gleich danach: „Ich kann!“ oder „Ich schaffe das!“. Die freigesetzte Energie ist fast greifbar!

In diesem Sinne: Sport. frei!

 

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