Durchhalten. Halte durch.

8:11 Uhr. Marie möchte eigentlich nicht aufstehen. Einfach weiter nuckeln und Mama nicht loslassen. Aber wir müssen aufstehen, ein sehr langer Tag liegt vor uns. In einer Stunde müssen wir los, damit wir pünktlich bei der Oma sind und Mama schließlich pünktlich ihre To Do´s für den Tag erledigen kann.

8:32 Uhr. Erste Tasche ist gepackt. Marie krabbelt durch die Wohnung und ist weinerlich. Immer wieder kommt sie meine Beine hoch, will getragen werden. Husten und Schnupfen seit fünf Wochen, das ist doof und da ist es bei Mama am schönsten. Doch die packt gerade drei verschiedene Taschen, bereitet das Frühstück vor und zieht sich gleichzeitig an.

8:54 Uhr. Zweite Tasche ist gepackt. Diesmal meine Bibtasche mit Lap Top und Co darin. Aber weder Marie noch ich sind angezogen und gefrühstückt haben wir immer noch nicht!

9:15 Uhr. Eigentlich wollten wir jetzt losfahren. Eigentlich. Doch wir sitzen am Frühstückstisch. Im Schlafanzug. Gerade heute haut Marie so richtig rein und lässt sich Zeit. Ich habe ein schlechtes Gewissen. „Hattest du etwa die ganze Zeit einfach Hunger und hast Mama deshalb nix machen lassen?“ Marie grinst mich mit ihrem Krümelmund an, auf eine Antwort warte ich vergeblich. Ein dicker Nieser hinterher, Mama wischt das Nasengemetzel mit dem Taschentuch weg. Nach einer Viertel Stunde: „Nu aber los, mein Schatz, wir müssen doch los!“

09:40 Uhr. Marie zieht mich förmlich ins Kinderzimmer, streckt mir ein Buch entgegen mit ihrem momentanen Lieblingsgeräusch: „Hhhh!“ Das soll so viel heißen wie „Lies Mama, beschäftige dich mit mir!“ Ich antworte nur: „Schatz, wir fahren jetzt zur Oma, sie liest dir was vor.“

10:15 Uhr. ENDLICH. Wir sitzen im Auto und Google Maps zeigt mir die schnellste Route. Mein Stresspegel steigt. Ich rechne. 11:30 bin ich realistisch an der Bib, dann hab ich nur noch anderthalb Stunden. Keine Zeit um Bücher zu wälzen. Wie ätzend! Ich bin doch gerade so gut im Thema! Der Tag ist verloren! Ich bin wütend auf mich selbst, versuche mich aber aufzubauen, der Tag ist noch lang genug, den ich mit mir verbringen muss. Zumindest könnte ich meine Bib-Karte verlängern, unsere Essensbestellung auf den Weg bringen, Mails beantworten. Der Tag bleibt produktiv. Ganz ruhig, der Tag bleibt produktiv. Doch immer wieder funkt es dazwischen, nennen wir ihn Schweinehund: „Nee! Is er nicht. Bleib doch gleich zu Hause, bringt doch alles nix. Der Morgen ist schon ätzend gelaufen, was denkst du denn, was da noch besser werden kann?!“ Mein letzter Post fällt mir ein: „Das große Ganze im Auge behalten.“ Genau, behalte das große Ganze im Auge. Das ist nur ein Tag, nur ein Morgen. Ja, du schaffst nicht mehr so viel wie früher, das ist okay, du schaffst es trotzdem. Und es ist ja nicht so, dass du nichts schaffen würdest.

11:24 Uhr. Ich sitze im Auto, suchend nach einem Parkplatz. Stolz, dass ich sechs Minuten in der Fahrzeit rausgeholt habe. Doch Pusteblume. Erst 30 Minuten später finde ich einen Parkplatz. „Na, klasse! Was willste denn jetzt noch schaffen?!“ Ich versuche gegen zu steuern: „Essen muss ich. Die Bestellung für den Wocheneinkauf, Geld abheben, Karte verlängern, Anrufe machen. Warum bin ich eigentlich zur Bib gefahren?!“ Die Bib Karte. Ach so. Es hatte also einen Sinn!

13:31 Uhr. Ich komme pünktlich aus der Bib. Na zumindest habe ich das gut hinbekommen. Nun bin ich mal pünktlich beim Arbeitstermin. Dachte ich. Bis zur ausweglosen Parkplatzsituation vor Ort. Sieben Minuten zu spät. „Mann ey!! Wann kriegst du es endlich auf die Reihe?!“ Nun denn. Es ist „nur“ ein Netzwerktreffen, bei denen so einige Teilnehmende kommen und gehen, wie es passt, weil die regulären Termine es nicht anders zulassen. Es fällt nicht wirklich auf. Trotzdem! Ich will pünktlich sein, überall!

17:04 Uhr. Drei Stunden zuhören und „zu-denken“ später fühlt es sich an, als hätte ich gerade drei Klausuren geschrieben. Um so mehr freue ich mich nun auf Sport. Und ich bin sogar pünktlich, haue so richtig rein in die Pratzen, es tut gut!

Ich hole Marie ab, wir sind spät zu Hause. Kaputt und glücklich, dass ich diesen Tag hinter mich gebracht habe, mache ich mir meine Gemüse-Kokos Suppe warm, fülle es in eine Tasse, mache mir ein Vollkornbrot mit Käse dazu und gehe zufrieden ins Wohnzimmer. Aber irgendwie habe ich die Tasse nicht richtig im Griff. Da fällt sie mir runter. Und. die. Suppe. spritzt. durch. die. ganze. Wohnung. Die nächste halbe Stunde verbringen mein Man und ich damit, alles aufzuwischen und staunen, wo überall Spritzer gelandet. Ich kann nur noch staunen und lachen. Marie krabbelt zufrieden zwischen uns herum. Ich habe leider kein Foto gemacht. Aber diese kleine Tassse – Inhalt hat es tatsächlich geschafft auf der Tapete im Flur, im Kinderzimmer und im Schlafzimmer zu landen. Was für ein feierlicher Abschluss an diesem Tag.

In diesem Sinne: Guten Appetit und Gute Nacht!

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