Das große Ganze im Auge behalten.

Oder: Halte durch. Durchhalten.

 

Das war schon immer und ist noch immer eine Charakterschwäche von mir. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich in diesem Jahr erst angefangen daran wirklich etwas zu verändern.


In der achten Klasse wurden die Fächer Chemie und Physik eingeführt. Auch wenn mir mein Vater und meine Großmutter eine entfernte Verwandtschaft mit Werner Heisenberg bescheinigten, kam ich nie über die Note 4 – Hürde in Physik hinweg. Doch Chemie mochte ich. Es machte mir großen Spaß zu erfahren, wie die kleinsten Teile unserer Materie und quasi unserer Existenz so aussehen und wie sie miteinander reagieren. Bis zur ersten 4 in einem Test. Die kam zwar erst im zweiten Halbjahr, aber es reichte zum Overkill. Die 16jährige Nour hatte kein Bock mehr und das war´s dann. „Oh ja, mein Kind, du warst früher so ehrgeizig und hast dich grün und blau geärgert, wenn du etwas nicht so hinbekommen hast, wie du es wolltest.“, erzählte meine Mutter letztens. Meine Frustrationstoleranz war niedrig. Das machte sich vor allem in den Naturwissenschaften und Mathematik bemerkbar. Leider.

Dann kam ich zum Kampfsport. Und auch da kam ich schnell an meine Grenzen. In so vielen Dingen. Mein Trainer, in klarer Militär-Manir das Training führend, begann schon mal gleich mit Liegestützstrafen bei jedem Zuspätkommen (oh, das ist so´ne weitere Schwäche, deren Bearbeitung in Bearbeitung ist…). Es wirkte. Ich wollte keine Liegestütz machen, also kam ich mit der Zeit immer pünktlich(er). Die nächste Hürde: das Überleben der Aufwärmung. Sobald jemand wagte nur ein Kniebeuger auszulassen oder einmal beim Anhocksprung kurz durchzuatmen, da stand der Trainer neben einen und wurde angeschrien. „WIR MACHEN GLEICH NOCH 10 MEHR WEGEN DIR!“ Irgendwann wandelte es sich dazu um, wer von allen mit möglichst gutem Aussehen die Aufwärmung meisterte. Also ohne großartig rot zu werden oder gar aus der Puste zu sein. Auch das habe ich geschafft. Der Sport packte mich und bearbeitete mich von außen, meine Frustrationstoleranz zu erhöhen. Es dauerte jedoch noch, bis sich das in andere Lebensbereiche übertrug. Die größte Hürde im Training war das Sparring. Ich weiß nicht, was schlimmer war. Das Geschlagen werden oder die unmögliche Vorstellung jemanden zu schlagen. Meine spätere beste Freundin war ziemlich genervt und verlangte vom Trainer wechseln zu können. „Sie ist Anfängerin. Sie hat keine Ahnung und ich will richtiges Sparring!“ Ich weiß nicht mehr wie lange es dauerte, bis ich mich traute zuzuschlagen und es ertrug geschlagen zu werden, aber bis dahin schreckte ich jedes Mal innerlich zusammen, wenn der Trainer nach der Aufwärmung „Sparring!“ schrie. Es war wirklich schlimm für mich. Aber irgendwie wollte ich es auch schaffen. Und irgendwann habe ich es dann verstanden. Als wäre ein Schalter umgelegt worden, wurde ich immer besser und innerhalb eines Jahres hatte ich die wichtigsten Kämpferinnen im Griff. Ich konnte sie schlagen. Ich habe durchgehalten, auch wenn es nicht angenehm war. Und ich wurde belohnt.

So wie mit dem Sparring ist es mit allem im Leben. Es klingt so banal und abgegessen, aber es stimmt. Durchhalten, bis es sich besser anfühlt. Dabei aber nicht vergessen, dass frau selbst etwas dazu beitragen kann.

Das große Ganze im Blick behalten und sich nicht in Details verlieren oder aufhalten lassen. So wie „nur“ einmal eine 4 im Test zu haben. Tiefschläge sind dazu da, um aus ihnen zu lernen und gestärkt hervor zu gehen.

In diesem Sinne: Gute Nacht!

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