Wenn du erstmal da bist…

…ist es fast so, als wärst du nie weg gewesen.

 

Mohamad und ich geben uns die Klinke in die Hand. Ich bin nervös. Sehr nervös sogar. Fertig angezogen, die Sporttasche ist gepackt, Marie nochmal gestillt und der Ehemann zwischen Tür und Angel für das Abendessen instruiert. Ich schwebe fast die Treppe herunter, schwinge mich aufs Fahrrad und nach 10 Minuten bin ich da. Nach fast drei Jahren stehe ich wieder vor einem Kampfsportgym und mir schlottern die Knie. Reiß dich zusammen. Die tun dir nix und du hast ne Menge drauf. Ich laufe das Treppenhaus hoch, das dem einer Lagerhalle gleicht. Da steht es an der Tür „Gym Kwan“. Muay Thai & Kickboxen. Hinter der Tür begrüßt mich der typisch, etwas muffige Geruch aus Boxhandschuhen und in Schweiß gebadeten Kampfsportbegeisterten, vermischt mit dem aufdringlichen Geruch von Tigerbalsam. Ich. habe. mich. auf. Anhieb. verliebt. Was für ein Gym. Davon gibt es seit Anfang der 2000er, der Beginn des Booms der Fitnessstudios nicht mehr viele! Zur Linken versteckt sich hinter einer Glasfront ein großer Trainingsraum, in dessen Zentrum ein großer Boxring aufgestellt ist. Boxsäcke säumen von allen Seiten die Quadratmeter des Rings, der durch die geschickte Deckenplatzierung des Lichts schön beleuchtet wird. Davor befindet sich zwischen Tresen und eben diesen Trainingsraum eine kleine Übungsfläche mit Fitnessgeräten! Das ist selbst in Berlin selten! Ein Kampfsportstudio, dass sich auf Kampfsport konzentriert und ein kleines Fitnessstudio hat. Früher musste ich bei Zeiten zu meiner Mitgliedschaft in meinem Kampfsportverein ein Fitnessstudio dazu buchen, um in den Trainingshochphasen meine Kraft zu steigern. Auf dem Tresen steht eine Klingel. Zaghaft klopfe ich drauf. Ein Mädchen, schon fertig in Trainingssachen gekleidet, sitzend vor einem kleinen Büro neben der Eingangstür, lächelt mich an, schaut sich um, fletscht die Zähne und formt den Mund zu einem „nochmal?“. Ich klingel noch einmal. Energischer. Während ich warte, schaue ich mich um. Männer mit breiten Schultern, Tatoos auf dem Arm und gezeichneten Gesichtern füllen den Vorraum, die kleine Trainingsfläche mit den Gewichten und teilweise den großen Raum, der vom Boxring geprägt ist. Wollen die mich? Warum bin ich überhaupt nervös?


Das liegt ganz klar am Kopftuch. Und einer längst vergangenen falschen Entscheidung. Bevor ich konvertierte, war ich drauf und dran Profiboxerin zu werden. Den ehrenwerten Titel der Norddeutschen Meisterin im Amateurboxen hatte ich mir damals geholt und damit die Qualifikation für die Deutschen Meisterschaften. Mein Trainer erzählte mir, dass vor allem da Talentscouts aus den noch damals existierenden Boxställen Universum & Sauerland anwesend wären. Doch das alles fiel mitten in eine Zeit, in der ich zu Gott fand, zum Islam. Der Körperkult des Sports wird wohl spätestens deutlich, schaut frau sich die Präsentation der damaligen wenigen Boxerinnen an. Womit verdienen sie wirklich ihr Geld? Oder warum schauen sich Männer überhaupt Frauenboxen an? Denn eines ist klar, zumindest zu dieser Zeit, 2005. Frauenboxen ist zwar im Kommen, aber hätte Mann die Wahl, schaut er sich lieber einen Kampf zwischen zwei Männern und nicht zwischen zwei Frauen an. Mir war damals schon klar: wenn du damit wirklich Geld verdienen willst, gehören irgendwann aufreizende Fotoshootings mindestens für die eigene Webseite dazu. Und überhaupt. Wie sollte das gehen, mit Kopftuch Profiboxerin zu werden? Da wird ohne Kopfschutz geboxt. Es rutscht doch, oder nicht? Auch wenn frau die Richtlinien der kurzen Hosen und ärmellosen T-Shirts überwunden hat, wie fest kann ein Kopftuch gewickelt sein, damit es bei harten Schlägen oder im Klinsch nicht verrutscht? Vielleicht wäre das Abrasieren der Haare noch eine Option gewesen, doch das war keine Option.

Ich war überzeugt und bin konvertiert. Erst einmal habe ich noch weiter trainiert, aber mir war klar, dass ich irgendwann das Tuch auf dem Kopf nicht weg lassen möchte. Und ich setzte mir, warum auch immer, in den Kopf, dass damit meine mögliche Aussicht auf eine Profiboxkarriere gestorben ist.

Nun gut, zurück zum Training. Schnell füllte ich das Anmeldeformular aus, denn das Training beginnt jeden Moment. Es war toll. Und erfüllend. Beim nächsten Besuch wurde ich ordentlich überrascht. Hier traf ich gleich weitere Hijabis (Kopftuchtragende Frauen), die ebenso sportbegeistert dabei waren.

Es geht also wieder los. Ein Wunsch ist es ja schon lange, zumindest noch einmal in den Ring zu steigen. In diesem Sinne. Sport: frei!

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